Der Leistungskurs Wirtschaftslehre von Herrn Scholz führte über eine Videokonferenz ein Gespräch mit Frau Iris Kraska zum Thema Herausforderungen für den Standort Deutschland und für deutsche Industrie und wertete dabei die Situation deutscher Automobilhersteller in China aus.
Aufgrund der im Laufe der Jahre stagnierenden Automobilindustrie in Deutschland und dem damit verbundenen Thema der multinationalen Konzerne führte der Wirtschaftsleistungskurs von Herrn Scholz am zweiten Dezember ein Interview mit Frau Iris Kraska, welche in dem integrierten Entwicklungszentrum von Porsche in Shanghai als Vize Präsidentin für Human Resources arbeitet. Das Interview zielte darauf ab, Einsicht in die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie in China zu erlangen, indem gezielt Fragen zu wirtschaftspolitischen Besonderheiten Chinas und Standortfaktoren gestellt wurden. Standortfaktoren beschreiben, wie attraktiv es ist, an einem Standort wie Shanghai zu produzieren bzw. zu entwickeln und infolgedessen an chinesische Interessenten zu verkaufen.
Frau Kraska lebt seit über 30 Jahren in China, was dazu führt, dass sie mit ihrer Expertise auch eine gute Sicht auf die Kaufbedürfnisse der Chinesen hat, welche bis vor ein paar Jahren ein Drittel der weltweiten Exporte von Porsche ausmachten. Doch über die Jahre und besonders nach der Coronapandemie schrumpfte der Umsatz von Porsche am Standort China, dem ehemaligen Hauptimporteur teurer Porschewagen. Das Verkaufsvolumen halbierte sich um mehr als die Hälfte. Dies begründete Frau Kraska mit dem geschädigten Image von Automobilen aus Deutschland. Was früher mit Langlebigkeit, Ordnung und Struktur verbunden worden war, gelte nun in China als langweilig und traditionell.
Durch die Einnischung deutscher Industrie in China ist der Innovationsdruck enorm gestiegen. 2025 verzeichnete Porsche das schlechteste Geschäftsjahr überhaupt, was aber nicht an mangelnder Qualität liege, sondern weil den Fahrzeugen moderne Softwarefunktionen, digitale Gimmicks und zeitgemäße Infotainmentsysteme fehlten, die chinesische Käufer inzwischen voraussetzen würden. Kraska beschrieb chinesische Käufer in Hinsicht auf technische Ansprüche als spielfreudig, unterhaltungsbedürftig und verwöhnt, was dazu führe, dass Käufer häufig nicht unternehmenstreu blieben, sondern anders als in Deutschland den Anbieter wechseln würden, was es zur Herausforderung mache, immer neue Innovationen auf den Markt zu bringen, um Interessenten zu behalten.
Der genannte technologische Fortschritt in China werde zusätzlich dadurch begünstigt, dass der Einsatz neuer Technologien wie künstlicher Intelligenz weniger bürokratischen Hürden unterliegt als in Deutschland, was besonders nach Corona zu einer Überflutung des chinesischen Marktes mit neuen Business und Produktideen führte. Diese Strategie führte kurzfristig zum Einstampfen vieler Startups, aber auch zu einer Diversifizierung im Markt, was eben jenen Fortschritt begünstigte. So sei China heute viel breiter in der Technologiebranche aufgestellt als vor fünf Jahren und in Sparten wie künstlicher Intelligenz wegweisend. Überdies bestehe eine risikobereite Unternehmenskultur, welche sich aus dem stark konkurrierenden Markt gebildet habe.
Eine Verlagerung dieser Strategie nach Deutschland hält Kraska zurzeit nur für bedingt möglich, auch wenn schon jetzt neue chinesische Unternehmen in Deutschland Fuß fassen. Die politisch wirtschaftlichen Systeme seien zu unterschiedlich und der deutsche Konservatismus, Verantwortung nicht an Standorte im Ausland abzugeben, sei zu ausgeprägt, als dass risikobehaftete Ideen Anklang in der Umsetzung finden würden.
Des Weiteren bereite China durch seine zentralistische Planwirtschaft mit sogenannten Fünfjahresplänen, einem staatlichen Instrument der gesamtwirtschaftlichen Steuerung, Freiräume für innovative Projekte und setze gezielt auf Auslandsstipendien für Studierende, um Knowhow aus anderen Ländern ins Inland zu bringen. Probleme der Fünfjahrespläne sieht Frau Kraska darin, dass gezielte Subventionen in wirtschaftliche Teilbereiche nicht automatisch zum gewünschten Effekt führen.
Abschließend kann man sagen, dass das Gespräch die schwierige Lage deutscher Automobilhersteller in China verdeutlichte. Porsche befindet sich in einer Phase der strategischen Neuorientierung, die geprägt ist von steigender Konkurrenz, rasantem technologischem Wandel und veränderten Konsumgewohnheiten, bei dem ein Ausgang langfristig nicht bestimmbar ist.
Paul Grzelka – Q2
